Im Zusammenhang mit Regionalvermarktung werden gemeinhin „Erzeugnisse mit regionaler Herkunftsidentität“ als „regional“ verstanden. Je nach Branche und je nach Region zeichnen sich besonders ausgeprägt regionale Anbieter und Produkte jedoch durch ganz unterschiedliche Dinge aus,1 so daß eine Liste von Kriterien, von „hard and fast rules“, nicht als Königsweg erscheint. Stattdessen soll das heroische „Regionale Manifest“, das wir hiermit zur Diskussion stellen, gedankliche Ordnung schaffen und den „Geist von reg.io“ greifbar machen.

Das Regionale Manifest

Auf reg.io sollen nur Anbieter und Produkte vorgestellt werden, die in Sachen Regionalität wesentlich aus dem Wettbewerberfeld herausragen bzw. den normalerweise in der Branche vorzufindenen Standard übertreffen. In welcher Hinsicht ein Anbieter oder Produkt besonders regional ist, kann sich je nach Branche oder Produkt oder Standort oder von Anbieter zu Anbieter stark unterscheiden, wie man sich anhand der folgenden Auflistung klarmachen kann.

Regionale Bestandteile – Die physischen Produktionsfaktoren, also Zutaten, Inhaltsstoffe, Futtermittel, Bauteile, Rohstoffe oder wie auch immer, wurden zu einem wesentlich höheren Anteil in der Region produziert als branchenüblich.2

Regionale Arbeitskräfte – Die an der Herstellung von Produkten und der Erbringung von Leistungen beteiligten Menschen sind zu einem wesentlich höheren Anteil in der Region ansässig als branchenüblich.3

Regionale Wertschöpfung(sketten) – Von den erwirtschafteten Gewinnen bleibt ein wesentlich höherer Anteil in der Region als branchenüblich (und das in mehreren Gliedern der Wertschöpfungskette).4

Regionaltypische Produkte – Es werden regionale Spezialitäten angeboten, und zwar wesentlich mehr als branchenüblich.5

Regionales Engagement – Die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch ein Unternehmen hat einen stärker ausgeprägten regionalen Bezug als branchenüblich (und ist natürlich auch vom Umfang her beachtlich).6

1 Im Regionalen Manifest soll eine Vermengung des Regionalitätsbegriffs mit anderen ethisch relevanten Kritierien, denen Anbieter und Produkte möglicherweise genügen, vermieden werden (wie z.B. bio, gentechnikfrei, klimaneutral, tierschutzgerecht, fair, transparent etc.). Wir werden uns auf reg.io noch ausführlich mit diesen Themen beschäftigen, aber finden, daß man auch „besonders regional“ sein kann, ohne zugleich bio- oder fair trade-Zertifikate zu tragen.

2 Sicherlich kann man ein Bürogebäude mehr oder weniger regional bauen und Büromöbel aus regionalen Hölzern vom regionalen Tischler beziehen. Dennoch ist natürlich die Regionalität der phyischen Produktionsfaktoren z. B. für Dienstleister nicht so zentral wie etwa beim Nahrungsmittelerzeuger. Aber Punkte sammeln kann man hier trotzdem! Wichtig bei der Beurteilung der Regionalität hinsichtlich der Bestandteile eines Produkts ist die Produktionstiefe: sind die Zutaten zu einem Kartoffelsalat lediglich in der Region gekauft (zu wenig…)? Oder ist er auch in der Region produziert (gängige Definition)? Oder verwendet auch der Eierlieferant darüber hinaus mehr als branchenüblich regional erzeugtes Futter (das wäre schön!)? Mit der BMELV-Studie Entwicklung von Kriterien für ein bundesweites Regionalsiegel (siehe nächster Absatz) kann man ab S. 33 an dieser Stelle in die Tiefe gehen – wobei wir das „ausrechnen“ von Regionalität anderen überlassen wollen, nämlich den Regionalitätsiegeln, -fenstern und dergleichen. (FiBL Deutschland e. V. / MGH GUTES AUS HESSEN: Entwicklung von Kriterien für ein bundesweites Regionalsiegel. Frankfurt am Main 2012. Abschlussbericht zum Gutachten im Auftrag des BMELV).

3 Ein Friseur wird mit diesem Kriterium kaum Probleme haben, kann aber auch mit zu 100% regionalen Arbeitskräften nicht aus dem Wettbewerberfeld herausragen – das ist Branchenstandard. Eine Bank oder eine Fahrrad- oder Keksmanufaktur haben hier mehr Potential.

4 Bauernhöfe versteuern in aller Regel nicht ihre Gewinne in Frankfurt oder London, während die Arbeit vor Ort von Lohnempfängern erledigt wird. Aber, wie auch bei den Arbeitskräften, können Betriebe sich hier um so mehr als besonders regional von ihren Wettbewerbern absetzen, je arbeitsteiliger (und damit meist nicht mehr in der Region) ihre Branche normalerweise arbeitet. Die Latte liegt bei einem HiTech-Hersteller also niedriger als bei einer Käserei. Ein Indiz für nicht gerade regionale Wertschöpfung ist eine nicht gerade regionale Eigentümerstruktur: bei den Eigentümern landen, falls welche gemacht werden, die Gewinne, und wenn die Eigentümer nicht regional sind, braucht man eigentlich nicht weiter zu ermitteln. Mit der schon erwähnten BMELV-Studie kann man ab S. 38 in puncto Wertschöpfungsketten in die Tiefe gehen.

5 Nicht jeder Bäcker in Schwaben, der Laugenbrezel backt, ist damit schon besonders regional, denn das machen in den entspechenden Regionen eben alle. Es sollte ein über das Umfeld hinausgehender Regionalitäts-Schwerpunkt im Sortiment erkennbar sein.

Diskussion – Die Frage ist, ob von einem klaren Regionalitäts-Schwerpunkt nicht auch dann gesprochen werden kann, wenn die angebotenen Produkte für eine andere, eventuell weit entfernte Region typisch sind, z. B. bei einem schwäbischen Restaurant in Berlin (wieso das ausgerechnet?!). Oder im Dienstleistungsbereich könnte man sich eine Salsa-Tanzschule in Castrop-Rauxel vorstellen, die den Gästen auch noch kubanischen Rum und Zigarren anbietet. Ist HOTTPOTT, eine von einer Kenianerin betriebene afrikanische Soßenmanufaktur im schwäbischen Walddorfhäslach, die mit regionalen Zutaten aus Afrika UND Schwaben arbeitet, nicht ein Musterbeispiel von Regionalität? Man könnte diese Anbieter ja gesondert kennzeichnen, um sie nicht mit den Anbietern regionaltypischer Spezialitäten ihres Standorts durcheinanderzubringen. Meinungen?

6 Wenn ein Anbieter soziale oder andere ethisch orientierte Einrichtungen, Kindergärten, Musikschulen, Sportvereine etc. vor Ort unterstützt, wenn es seine Kunden nicht ins Best Western einlädt, sondern ins Freilichtmuseum oder Hofcafé. Ohne die Bedeutung sozialen und regionalen Engagements herunterspielen zu wollen, kann dies allein nicht die Regionalität eines Anbieters ausmachen. Aus einem multinationalen Konzern, dessen Produkte an jeder Tankstelle der Welt gekauft werden können, wird kein regionaler Anbieter, und wenn er an seinen Produktionsstandorten noch so sehr durch regionales Engagement glänzt. Das wäre „Regional-Washing“.

Version 1.0 Stand 14.10.2014

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  • Dirtje

    Mir ist zu den Punkten „Regionale Arbeitskräfte“ und „Regionale Wertschöpfung“ etwas eingefallen, wo es meiner Ansicht nach vermutlich schwer wird überhaupt noch regionale Produkte zu finden. Dann nämlich, wenn es um den Einsatz von Saisonarbeitskräften zur Ernte von regionalen Produkten geht. Dabei denke ich zum Beispiel an Spargel oder Erdbeeren, die sicherlich fast vollständig von Arbeitern aus z.B. Polen, Rumänien oder Bulgarien geerntet werden, jedoch bei uns in der Region (am Niederrhein) und sicherlich auch anderswo dennoch als regional angepriesen und auch auf dem typischen Verkaufsweg (Hofladen) vermarktet werden. Ist es aber nicht so, dass die Arbeiter ohnehin nicht aus der Region stammen und oftmals große Teile ihres Einkommens erst in den Heimatländern wieder ausgeben? Gibt es manche Produkte also eigentlich noch in der „regionalen Version“???

    Abgesehen davon finde ich, dass Produkte mit „Regionalschwerpunkt“ unbedingt von anderen „regionalen Produkten“ abgegrenzt werden müssen, um die Transparenz für den Verbraucher zu erhalten. Jemand, der die Salsa-Schule in Castrop-Rauxel besucht hat sicherlich ganz andere Ziele, als jemand, der beim Bauern um die Ecke seine Milch und Eier einkauft. Der eine hat vielleicht Heimweh (oder auch Fernweh) – Ziele wie eine Reduzierung von CO2 Emissionen beispielsweise scheinen dabei aber nicht im Vordergrund zu stehen. Der Einkauf beim Bauern um die Ecke jedoch geschieht hingegen sehr wahrscheinlich aus der Absicht heraus, „etwas gut und richtig“ zu machen. Meiner Ansicht nach sind das zwei grundverschiedene Aspekte, die sich nicht vermischen sollten – Darum: Ja, eine gesonderte Kennzeichnung macht auf jeden Fall Sinn!

    • Stimmt, bei Spargel und Erdbeeren wird’s sicher schwierig, Produkte zu finden, die nicht von Saisonarbeitern aus weiter Ferne geerntet werden und die einen Teil der Wertschöpfung außer Landes schaffen. Daher ja auch so eine „weiche“ Regionalitäts-Definition, bei der auf das „Herausragen aus dem Wettbewerberfeld“ abgehoben wird, und nicht auf irgendwelche Standards. Ein Erdbeerbetrieb mit albanischen Saisonarbeitern, dessen Felder vor den Toren der Stadt liegen, ist deswegen aus der Perspektive dieses Ortes „regionaler“ als einer in Marokko, auch wenn es einen Aspekt gibt, bezüglich dessen die Regionalität angezweifelt werden kann.

      Den von Dir betonten Unterschied der Motive beim Käufer regionaltypischer Produkte fernab der Herkunftsregion (Salsa in Castrop-Rauxel) werte ich als Gegenargument gegen die oben in Fußnote 5 zur Diskussion gestellte Idee, und, wie ich finde, ein gutes. Wenn Du so weitermachst, fliegt in der nächsten Version des Regionalen Manifests dieser Diskussions-Einschub ersatzlos raus – These nunmehr: regionaltypische Produkte sind außerhalb ihrer Herkunftsregion KEINE regionalen Produkte im Sinne des Manifests.

  • „Regionaler Konsum“ – das wäre eine mögliche Ergänzung, die die Diskussion in Fußnote dann endgültig überflüssig macht. Meint: die Produkte werden auch in der Region konsumiert, in der sie regional produziert wurden (was die anderen Punkte außer dem letzten ja erläutern).

    Der Punkt wirft eine wichtige Frage auf, die nicht von einer Regionalitätsdefinition erfaßt werden kann, aber für die ethische Relevanz von Regionalität wichtig ist, nämlich den nach der Länge der Transportwege. Man könnte meinen, daß das Kriterium „Regionaler Konsum“ gleichbedeutend ist mit kurzen Transportwegen und mithin einer guten Klimabilanz des Transports des fertigen regionalen Produkts zum „Point of consume“ hin. Aber weit gefehlt: wie sehr schön herausgestellt in von Jürgen Schmücking, kann der auf der Landkarte kurz aussehende Weg täuschen.

  • „Regio­na­ler Konsum“ — das wäre eine mög­li­che Ergän­zung, die die Dis­kus­sion in Fuß­note dann end­gül­tig über­flüs­sig macht. Meint: die Pro­dukte wer­den auch in der Region kon­su­miert, in der sie regio­nal pro­du­ziert wur­den (was die ande­ren Punkte außer dem letz­ten ja erläutern).

    Der Punkt wirft eine wich­tige Frage auf, die nicht von einer Regio­na­li­täts­de­fi­ni­tion erfaßt wer­den kann, aber für die ethi­sche Rele­vanz von Regio­na­li­tät wich­tig ist, näm­lich den nach der Länge der Trans­port­wege. Man könnte mei­nen, daß das Kri­te­rium „Regio­na­ler Kon­sum“ gleich­be­deu­tend ist mit kur­zen Trans­port­we­gen und mit­hin einer guten Kli­ma­bi­lanz des Trans­ports des fer­ti­gen regio­na­len Pro­dukts zum „Point of con­sume“ hin. Aber weit gefehlt: wie sehr schön her­aus­ge­stellt in „Regional ist das neue Bio: Ein Spruch, der an Dämlichkeit kaum zu überbieten ist“ (http://www.biorama.eu/warum-regional-nicht-das-neue-bio-ist/) von Jür­gen Schmü­cking, kann der auf der Land­karte kurz aus­se­hende Weg täuschen.

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